Montag, 28. Februar 2011

Kurzbesprechung: Sukkar banat



Caramel
(Sukkar banat, Libanon/Frankreich 2007)

Regie: Nadine Labaki

Regisseurin Nadine Labaki widmete das kleine Filmjuwel "Sukkar banat" ihrem Beirut, der Stadt, die als  das "Paris des Nahen Ostens" bezeichnet wurde, bevor der Libanon Mitte der 70er Jahre bis 1990 zum Schauplatz  eines Bürgerkriegs wurde.  Obwohl die Unruhen bis heute nie ganz nachliessen, weisen die Bilder lediglich diskret auf die Vergangenheit und die allgemeine Lähmung im Land hin: ein für heimliche Rendezvous benutzter vernachlässigter Schrottplatz, das herunterhängende "B" über dem Schönheitssalon "Si Belle", dem wichtigsten Schauplatz des Films - oder die nur notdürftig geflickten Hausmauern im einst verwüsteten Viertel. -  Denn im Mittelpunkt stehen die scheinbar alltäglichen Geschichten einer Handvoll Frauen, die sich regelmässig im Salon der Christin Layale einfinden und versuchen, den Spagat zwischen Tradition und Moderne in einem von Männern (sie bleiben Randfiguren) dominierten Land zu meistern. Aber nicht nur die Probleme und Problemchen der Protagonistinnen sind anders als in den typisch schwerfälligen Frauenfilmen, mit denen uns Hollywood immer wieder beliefert; der libanesische Mikrokosmos unter weiblichem Vorzeichen wird auch mit einer Leichtigkeit dargeboten, die geradezu verblüfft und den Zuschauer, ob weiblich oder männlich, augenblicklich in ihren Bann zieht. - Markenzeichen (und sich keineswegs aufdrängende Metapher) des Kinodebüts ist die auf Caramelbasis beruhende Epiliermasse, die salzig, süss und sauer zugleich, den Besucherinnen von "Si Belle" ziemlich schmerzhaft die Haare entfernt.

Die heimlich von einem Polizisten bewunderte Layale ist in einen verheirateten Mann verliebt, der sie jedoch nur für gelegentliche Nümmerchen im Auto ausnutzt und nicht daran denkt, seine Familie zu verlassen. Ihre muslimische Mitarbeiterin Nisrine erzählt den Freundinnen kurz vor der Hochzeit, dass sie nicht mehr Jungfrau ist. Jamale, eine regelmässige Kundin, die in Werbefilmen auftreten möchte, ist so besessen von ihrem Jugendlichkeitsfimmel, dass sie sogar vorgibt, ihre Periode noch zu haben. Unterdessen verliebt sich die offen lesbisch lebende Rima in eine Kundin, die sich von ihr regelmässig die Haare waschen lässt. - Die ältliche Nachbarin Rose, die mit ihrer dementen Schwester in der Nachbarschaft lebt und sich den Lebensunterhalt als Schneiderin verdient, erhält  wiederum die Chance ihres Lebens: ein französischer Gentleman verfällt ihr so sehr, dass er immer wieder bei ihr auftaucht, um sich seine Hose noch kürzer machen zu lassen...

Der von Laienschauspielerinnen getragene Film, der an verschiedenen Festivals gezeigt und von der Kritik mit Begeisterung aufgenommen wurde, lebt aber nicht nur von seinen -  mit bemerkenswertem Sinn für Zwischentöne dargebotenen - Geschichten und Sehnsüchten. Es geht ihm auch, vielleicht sogar in erster Linie, um das Einfangen der Atmosphäre einer Stadt, die trotz alltäglicher Wehwechen ein Paradies für das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen sein könnte, wäre da im Hinterkopf nicht das Wissen um das unausweichliche Scheitern paradiesischer Zustände. Teils westlich, teils nahöstlich anmutende Musik begleitet Aufnahmen, die zum Weinen schön sind und die wunderbare Ode an die Frauen in einem der liberaleren Länder des Nahen Ostens zu einem Erlebnis machen. --- Kurz nach Fertigstellung von "Sukkar banat", wurde Beirut erneut von Unruhen heimgesucht. Dies zeigt, auf welch tönernen Füssen der im Schönheitssalon "Si Belle" gelebte friedliche Alltag steht.

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