Montag, 17. Dezember 2012

BOUDU: Flaches Wasser und deep focus

BOUDU - AUS DEN WASSERN GERETTET (BOUDU SAUVÉ DES EAUX)
Frankreich 1932
Regie: Jean Renoir
Darsteller: Michel Simon (Boudu), Charles Granval (Édouard Lestingois), Marcelle Hainia (Emma Lestingois), Séverine Lerczinska (Anne Marie), Jean Gehret (Vigour), Max Dalban (Godin), Jean Dasté (Student), Jacques Becker (Dichter)


Renoirs vierter Tonfilm beginnt mit einem kurzen Prolog, in dem - sichtlich in Theaterkulissen - ein Pan oder Priapos einer Nymphe nachstellt. Damit wird ein Rahmen gesetzt, eine Meta-Ebene, die den gesamten Film "theatralisiert" - ein Motiv, das Renoir in den 30er Jahren gern verwandte (so beginnt auch schon LA CHIENNE (1931) mit einer Grand-Guignol-Vorstellung), und auf das er etwa in DIE GOLDENE KAROSSE (1952) mit seinem "Theater im Theater" zurückkam. Zugleich verweist der Prolog auf den Charakter des Films: Es ist ein Satyrspiel, ein erotisch aufgeladenes Bäumchen-wechle-dich, dessen Wendungen man nicht wirklich ernst nehmen sollte. Eine Satire auf bürgerliche Wert- und Moralvorstellungen ist BOUDU - AUS DEN WASSERN GERETTET auch, aber eine sehr milde, die ihre Protagonisten nicht denunziert, sondern liebevoll karikiert.

Monsieur Lestingois und Anne Marie
Nach dem Prolog folgt der direkte Umschnitt zum gutsituierten Pariser Buchhändler Édouard Lestingois, wie er mit seinem Hausmädchen Anne Marie, die zugleich seine Geliebte ist, herumschäkert und sich selbst dabei als "Priapos" und sie als seine "Chloé" bezeichnet, womit die Verbindung vom Rahmen zur Haupthandlung unmissverständlich etabliert ist. Lestingois, dessen Buchhandlung mit darüberliegender Wohnung direkt am Ufer der Seine liegt, ist verheiratet, aber seine Frau Emma ist am Eheleben nicht mehr interessiert, dafür achtet sie umso mehr aufs Geld. Lestingois dagegen ist im Grunde noch Idealist, der auch schon mal Bücher an einen armen Studenten verschenkt, der sie sich nicht leisten kann (gespielt von Jean Dasté, der seinen größten Auftritt 1934 in Jean Vigos L'ATALANTE hatte, hier in seinem ersten Film). Es ist auch von Anfang an klar, dass das Verhältnis von Lestingois und Anne Marie nicht nur sexueller Natur ist, sondern dass sie sich einfach mögen.

Jacques Becker mit einem Kurzauftritt
Szenenwechsel in einen großen Pariser Park, wohl der Bois de Boulogne. Einer seiner Bewohner ist der zottelige Clochard Boudu mit seinem ebenso zotteligen schwarzen Hund "Black". Als ihm dieser davonläuft und er ihn trotz Suche nicht wiederfindet, will er sich in der Seine ertränken. Doch just in dem Moment, als er von einer Brücke springt, erspäht ihn Lestingois von seiner Wohnung aus, und nun ist es an ihm, den Lebensmüden zu retten. Beherzt springt er ins Wasser, und unter den Blicken von dutzenden, wenn nicht hunderten Zuschauern zieht er den halbtoten Boudu aus dem Wasser. Mit Hilfe seines Nachbarn Vigour (der gerne am offenen Fenster Flöte spielt und damit für einige musikalische Überleitungen im Film sorgt) bringt ihn Lestingois in seine Buchhandlung, um die Schaulustigen abzuschütteln und die Wiederbelebung zu vollenden. Vigour ist Mitglied in einem "Lebensrettungsclub", obschon er noch nie an einer Lebensrettung teilgenommen hat, und geht nun mit entsprechender Begeisterung zu Werk, so dass Boudu gar nichts anderes übrigbleibt, als wieder zu sich zu kommen.

Spektakuläre Rettung vor großem Publikum
Jetzt wird beschlossen, dass Boudu erst mal als Gast im Hause Lestingois bleiben soll, auch wenn Madame Lestingois und Anne Marie den neuen Hausgenossen sehr skeptisch beäugen. Und ihre Vorbehalte sind nicht ohne Grund, wie sich bald erweist. Denn Boudu ist ein respektloser, um nicht zu sagen anarchischer Zeitgenosse, der sich als undankbar erweist und von vielen Segnungen der Zivilisation nichts hält. Insbesondere beginnt er schnell, Anne Marie zu begrapschen, er setzt die Küche unter Wasser und richtet Verwüstungen an, die ein Loriot nicht besser hingekriegt hätte, er wischt sich seine mit Schuhcreme beschmierten Hände an Madames Nachtwäsche ab, er spuckt in der Wohnung auf den Boden und so weiter. Lestingois' nächtliche Schäferstündchen mit Anne Marie müssen vorerst ausfallen, weil der zwischen den jeweiligen Schlafzimmern einquartierte (und auf dem Boden schlafende) Boudu den Weg blockiert. Als Lestingois entdeckt, dass Boudu sogar in ein Buch gespuckt hat (Balzacs leicht zynisches Ehehandbuch Physiologie du mariage - ein trockener Seitenhieb Renoirs auf die Ehe der Lestingois), ist auch bei ihm das Fass übergelaufen: Boudus sofortige Ausweisung ist beschlossen.

Madame Lestongois streckt die Zunge raus, und Monsieur Vigour
geht mit Einsatz an Boudus Wiederbelebung
Doch es kommt anders. Um seine Chancen bei Anne Marie zu erhöhen, vollzieht Boudu eine partielle Annäherung an die Zivilisation: Er geht zum Friseur. Und als ihm Madame seinen Rauswurf in ihrem Schlafzimmer mitteilen will, verführt er sie in Windeseile mit sanfter Gewalt. Während auf der Straße Marschmusik gespielt wird, bläst Boudu Madame den Marsch - und danach ist sie wie verwandelt. Wie ihr Gesichtsausdruck und ihre Körpersprache deutlich machen, hat die eben noch ziemlich frigide Madame ihre Lebenslust und den Spaß am Sex wiedergefunden. Gleichzeitig trifft die Nachricht ein, dass Lestingois für seine Rettungstat eine Medaille erhält, wodurch auch er milde gestimmt ist. So darf Boudu also vorerst bleiben. Während nun Madame kaum noch von Boudu lassen kann, hat nun auch Lestingois wieder Gelegenheit, sich mit Anne Marie zu beschäftigen. So geht das einige Tage dahin, doch dann treffen die beiden Paare unverhofft im selben Zimmer in eindeutiger Lage aufeinander, so dass der doppelte Ehebruch offenbar wird. Doch der (nach bürgerlichen Maßstäben) doppelte Skandal wird erstaunlich souverän gehandhabt: In einer geradezu rasanten Umgruppierung finden die wiedererblühte Madame und ihr Gatte wieder zusammen, während Boudu und Anne Marie nicht nur ein Paar werden, sondern - ermöglicht durch einen Lotteriegewinn Boudus über 100.000 Francs - sogar heiraten. So ist denn auch die nächste Szene nach dem Rearrangement der Paare gleich der Hochzeitsausflug: Eine sonntägliche Kahnfahrt von Boudu und Anne Marie, dem Ehepaar Lestingois und Monsieur Vigour auf der Marne.

Boudu richtet Verwüstungen an
Doch das allzu platte Happy End wird von Renoir abgesagt. Boudu schafft es, sich selbst und die anderen Insassen des Ruderboots ins Wasser der äußerst gemächlich dahinfließenden Marne zu befördern, indem er sich nach einer Seerose ausstreckt. Ob nun geplant oder einem spontanen Impuls folgend: Boudu nutzt das Durcheinander, um sich schwimmend von der Gruppe abzusetzen, zu den hier ziemlich ironisch anmutenden Klängen des Walzers "An der schönen blauen Donau". An einer unbeobachteten Stelle des Ufers geht er an Land und vollzieht seine Rückverwandlung in einen Clochard - er tauscht seine feinen Hochzeitskleider gegen das zerschlissene Gewand einer Vogelscheuche und lässt als krönenden Abschluss seine Melone in die Marne segeln. Nun ist er wieder ganz der Alte und hat seine Freiheit wiedergewonnen. Zwar fehlt ihm noch sein Hund, dafür schließt er jetzt Freundschaft mit einer Ziege. Unterdessen sitzt Lestingois auch wieder an Land, flankiert von seiner Frau und Anne Marie, und sie fragen sich, was wohl aus Boudu geworden ist. Beide Frauen sind eng an ihn gekauert. Der Beginn einer Ménage-à-trois? Wer weiß ...

Vor und nach dem Friseur
Man hat Boudus Rolle zu Recht mit einem Katalysator verglichen: Er geht am Ende unverändert aus der Reaktion hervor, aber er hat in seinem Substrat, dem Haushalt Lestingois, erhebliche Veränderungen bewirkt: Etliche Verklemmungen und Scheinheiligkeiten wurden beseitigt. Dass Boudu am Ende wieder auf der Straße landet, ist im französischen Film der 30er Jahre nichts Ungewöhnliches. Schon in LA CHIENNE endete Michel Simon als Landstreicher, dort allerdings ins Tragische gewendet. Auch in René Clairs Film mit dem programmatischen Titel À NOUS LA LIBERTÉ (ES LEBE DIE FREIHEIT) von 1931 suchen die beiden Helden am Schluss ihr Heil auf der Straße, und in Renoirs LES BAS-FONDS (NACHTASYL) von 1936 wird der Held (Jean Gabin) am Ende zwar kein Landstreicher im eigentlichen Sinn, aber er wandert mit seiner Geliebten auf Schusters Rappen in eine ungewisse, aber wahrscheinlich bessere Zukunft.

Voller Körpereinsatz bei Michel Simon
Als Komödie ist BOUDU kein Schenkelklopfer, aber es gibt doch einige komische Szenen, vom visuellen Kalauer (Lestingois sagt bei Boudus Wiederbelebung zu seiner Frau, dass die Zunge raus müsse, und sie streckt daraufhin ihre eigene Zunge raus) bis zu einigen absurden Umkehrungen. So gibt am Anfang im Park eine Frau Boudu 5 Francs, "damit er sich Brot kaufen kann", wie sie ihrer kleinen Tochter erklärt. Als kurz darauf ein feiner Pinkel in einem protzigen offenen Wagen im Park hält, öffnet ihm Boudu wie ein Chauffeur die Tür. Der Schnösel sucht in seinen Taschen nach Trinkgeld, aber als er nicht schnell genug etwas findet, gibt Boudu ihm die 5 Francs - damit er sich Brot kaufen kann, wie jetzt Boudu zur Verblüffung des Mannes und des Publikums erklärt. Als Boudu am Essenstisch Wein verschüttet, streut Madame Lestingois Salz darüber, um den Wein aus dem Tischtuch zu ziehen, wie sie zu Boudu sagt, der sich das nicht erklären konnte. Als dann Lestingois versehentlich den Salzstreuer umkippt, gießt Boudu einen Schwall Wein darüber - "um das Salz herauszuziehen", wie nun er erläutert. Renoirs Regieassistent Jacques Becker hat einen sehr schrägen ungenannten Kurzauftritt als ein Dichter im Park, der wild gestikulierend theatralischen Unsinn verzapft, als ihn Boudu nach dem Hund fragt. Als Satire ist BOUDU, wie schon erwähnt, recht mild. Der einzige negativ besetzte Charakter ist zunächst Madame Lestingois, aber nach ihrer Läuterung durch Boudu ist auch das Geschichte. Gesellschaftskritik ist nicht das vordringliche Anliegen des Films, aber den einen oder anderen sozialen Kommentar platziert Renoir doch. So fragt etwa Boudu im Park einen Polizisten, ob er seinen Hund gesehen hat, doch der bedeutet ihm nur, er solle sich verziehen, damit er ihn nicht einbuchtet. Als unmittelbar darauf auch einer feinen Dame ihr Hündchen abhanden kommt, holt derselbe Polizist seine Kollegen herbei, damit sie bei der Suche behilflich sein können.

Boudu gibt ein Trinkgeld; Madame und ein armer Student;
Madame nach ihrer Verwandlung durch Boudu
Deep focus cinematography heißt auf Englisch das Drehen mit großer Tiefenschärfe (oder Schärfentiefe, wie Puristen sagen), das es ermöglicht, die handelnden Personen sich in der "Tiefe des Raumes" bewegen zu lassen, und in Bildvorder- und -hintergrund sogar voneinander unabhängige Teile der Handlung stattfinden zu lassen. Als Paradebeispiel für diesen Stil wird oft, und nicht zu Unrecht, CITIZEN KANE genannt, aber Orson Welles und sein Kameramann Gregg Toland waren keineswegs die ersten, die das virtuos beherrschten. Auch Renoirs LA RÈGLE DU JEU (DIE SPIELREGEL) von 1939 ist ein perfektes Beispiel. Und natürlich ist Renoir die Technik nicht 1939 in den Schoß gefallen, sondern er hat schon vorher damit experimentiert, z.B. in LA CHIENNE und auch in BOUDU. Zwar nicht durchgehend, aber immer wieder mal setzt Renoir Tiefenschärfe ein, um beispielsweise in der Wohnung von Lestingois Räume im Vorder- wie im Hintergrund ebenso wie den verbindenden Flur scharf abzubilden und auch überall Handlung zu zeigen. Und in der Szene, als Lestingois aus seinem Arbeitszimmer heraus Boudu mit einem Fernrohr beobachtet, bevor dieser in die Seine springt, sind Lestingois und die Einrichtung des Zimmers im Vordergrund, der Quai im Mittelgrund und fahrende Autos und wuselnde Fußgänger im Hintergrund jenseits der Seine scharf zu sehen.

Ein Hochzeitsausflug und sein Ende
Aber die große Attraktion von BOUDU ist weder die Handlung noch die Kameraarbeit, sondern das ist Michel Simon. Mit Renoir und Simon hatte sich ein Traumpaar gefunden, und BOUDU ist ihr vierter und letzter gemeinsamer Film, nach TIRE AU FLANC (1928), ON PURGE BÉBÉ (Renoirs erster Tonfilm, 1931) und LA CHIENNE. (1940 arbeitete Renoir in Italien an TOSCA, in dem Simon ebenfalls mitspielt, aber Renoir brach die Arbeit daran ab und emigrierte in die USA. Den Film drehte dann Renoirs Freund Carl Koch, der Ehemann von Lotte Reiniger.) 1966 drehte Jacques Rivette für die Fernsehserie CINÉASTES DE NOTRE TEMPS ein dreiteiliges Portrait von Renoir, und der 90-minütige mittlere Teil widmete sich nur der Zusammenarbeit von Renoir und Michel, die auch beide darin auftraten. Michel Simon schätzte Renoir sehr dafür, dass er einer der wenigen Regisseure war, die ihn bei seinem Drang zum Improvisieren nicht bremsten, sondern bestärkten. Renoir wiederum schrieb einmal: "BOUDU, das ist Michel Simon. Das heißt, einer der größten lebenden Schauspieler und einer der größten Schauspieler der Geschichte des Theaters und des Kinos. BOUDU ist eine Hommage an Michel Simon." Die Rolle des Boudu ist ihm tatsächlich wie auf den Leib geschrieben. Das Drehbuch entstand nach einem 1925 erschienenen Theaterstück, und schon damals spielte Simon die Rolle auf der Bühne und erhielt dafür Lobeshymnen. Er war es auch, der Renoir die Verfilmung des Stoffes vorschlug, und er war dann der Hauptproduzent des Films (Jean Gehret, der Darsteller von Vigour, war ebenfalls an der Finanzierung beteiligt). Den Boudu spielt er mit entfesselter, anarchischer Freude und mit vollem Körpereinsatz. Er fläzt sich am Boden und auf dem Mittagstisch, er turnt und kaspert herum, er krächzt und grölt und grinst. Von seinen Rollen, die ich sonst noch kenne, ist nur sein Père Jules in L'ATALANTE damit vergleichbar. Wenn man nur diese beiden Filme von ihm kennen würde, könnte man wohl glauben, dass er tatsächlich so ist, aber wenn man zum Vergleich andere Rollen heranzieht, etwa den skurrilen, aber gesitteten Molyneux in DRÔLE DE DRAME oder den sinistren Zabel in Carnés LE QUAI DES BRUMES, dann erkennt man seine Bandbreite.

Rückverwandlung mit Vogelscheuche und Ziege
BOUDU SAUVÉ DES EAUX ist in den USA und in England (als BOUDU SAVED FROM DROWNING) sowie in Frankreich auf DVD erschienen. - 1986 drehte Paul Mazursky mit DOWN AND OUT IN BEVERLY HILLS (ZOFF IN BEVERLY HILLS) ein ganz brauchbares Hollywood-Remake, mit Nick Nolte als kalifornischem Boudu und Richard Dreyfuss und Bette Midler als seinen Gastgebern. Daraus entstand 1987 eine erfolglose 13-teilige Fernsehserie (mit anderen Hauptdarstellern). 2005 schließlich inszenierte Gérard Jugnot ein weiteres Remake, mit Gérard Depardieu in der Titelrolle und mit sich selbst als Lestingois (der hier Lespinglet heißt).

Wie wird es weitergehen?

Kommentare:

  1. (Was tun, wenn bei der Du-Röhre ganze Filme in akzeptabler bis exzellenter Bildqualität gezeigt werden? Verschämt wegklicken? Oder die Gelegenheit nutzen, in dem Wissen, dass der schon seit langer Zeit tote Regisseur sich im Cineasten-Himmel bestimmt freut, wenn jemand sich sein Werk anschaut und dass man sich früher oder später ja die DVD sowieso noch kauft?)
    Blitzschnell konnte ich also die Sichtung von BOUDU nachholen und katapultierte ihn damit sogleich zu meinem provisorischen Lieblings-Renoir (eine konzentrierte Neusichtung von ILLUSION und RÈGLE steht noch bevor): was für eine herrliche, kleine, amüsante und extrem kurzweilige Perle von einem Film. Zwischen komischem Drehbuch, exaltierter Schauspielleistung und eleganter Kameraarbeit sorgt immer mindestens ein Element für großes Sehvergnügen.
    Zu letzterem: Hier ist sie also wieder, unsere gute Freundin „deep focus photography“. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass die Schärfentiefe wohl irgendwann zwischendurch im Bewusstsein von Kritikern und Zuschauern (jedoch nicht in der Realität der Kinoproduktion!!!) wie durch Zauber verloren gegangen sein muss, um später so „überraschend wieder entdeckt“ zu werden. Vor kurzem sah ich Lubitschs Filme ICH MÖCHTE KEIN MANN SEIN und DIE AUSTERNPRINZESSIN von 1918 (!) respektive 1919 (!): vergnügt und ungezügelt hetzen die Figuren durch das ganze Bild, und eben nicht nur im Links-Rechts-Modus, sondern eben auch in die Tiefe und bleiben dabei immer gestochen scharf. Aus deinem längeren Thompson-Bordwell-Zitat bei meiner Faust-Besprechung lässt sich scheinbar schließen, dass es sich bei der Nutzung oder Nicht-Nutzung von deep focus gewissermaßen um ein US-Europa-Gefälle handelt. Aber gerade auch bei Keaton und Chaplin sieht man manche Szene mit gleichermaßen scharfen Vorder- und Hintergründen. Seit den 1910er geht es ja im Grunde immer wieder um dasselbe: Komplexe Handlungen in einem komplexen Raum ohne Montage darzustellen. Oder aber Gruppierungen bzw. Isolation von Personen im räumlichen Kontext aufzuzeigen. Eventuell auch mit mehr mehreren Ebenen... Jedenfalls sollten vielleicht moderne Action-Regisseure wie... Christopher Nolan und... Len Wiseman... vielleicht öfter mal in ein Renoir-Film reingucken.
    Michel Simon kannte ich bislang nur aus seinen erheblich späteren Werken (ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAGE, THE TRAIN und LE VIEIL HOMME ET L‘ENFANT). Und indirekt auch über Jean-Paul Belmondos Hommage in LE PROFESSIONNEL, in dem er sich kurz als Clochard im Stile Boudus verkleidet.
    „Während auf der Straße Marschmusik gespielt wird, bläst Boudu Madame den Marsch - und danach ist sie wie verwandelt.“ ;-D BOUDU enthält ja so einige Frivolitäten, die wohl André Bazin dazu verleitet haben, ihn als „film magnifiquement obscène“ zu loben. Gab es eigentlich im Laufe der 1930er Jahre eine Verhärtung der Film-(Selbst-)Zensur in Frankreich, also einen ähnlichen Trend wie in den USA?
    (mit sehr viel Glück kommt meine heutige Frankreich-DVD-Bestellung des Films vor Weihnachten an. So oder so: bald kann ich BOUDU in einer sich gänzlich in meinem Besitz und Eigentum befindlichen DVD-Version erneut schauen!)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Freut mich, dass er Dir so gut gefällt!

      Zur Zensur in Frankreich fehlt mir der Gesamtüberblick, da kenne ich nur ein paar isolierte Details. Eine Selbstzensur gab es meines Wissens nicht, weil die Voraussetzungen dafür fehlten. Der Production Code wurde ja eingeführt, um eine drohende bundesstaatliche Zensur zu verhindern, und das mit Erfolg. Gesetzliche Filmzensur gab es in den USA immer nur auf einzelstaatlicher und kommunaler Ebene. Im viel zentralistischeren Frankreich gab es dagegen die zentrale Zensur, und die Studios konnten dem wohl nichts entgegensetzen. Selbst große Studios wie Pathé und Gaumont waren wirtschaftlich nicht sehr stark, weil es an der vertikalen Integration (Produktion, Verleih und Vorführung in einer Hand) mangelte, und eine durchsetzungsfähige Gemeinschaftsorganisation wie die MPPDA (bzw. später MPAA) gab es auch nicht.

      Einige spektakuläre Zensurfälle: LA PASSION DE JEANNE D'ARC wurde heftig geschnitten, vor allem auf Druck der kath. Kirche. Das war auch der Grund dafür, dass er seine Premiere in Kopenhagen hatte und in Paris erst Monate später anlief. Jean Vigos ZÉRO DE CONDUITE wurde aufgrund seines anarchistischen Angriffs auf die Stützen der Gesellschaft komplett verboten und erst nach dem Zweiten Weltkrieg freigegeben (siehe meinen Artikel über L'ATALANTE). Und LA VIE EST À NOUS, den einige Mitarbeiter Renoirs mit ihm selbst als "Oberregisseur" drehten, wurde von der Zensur ebenfalls verboten. Deshalb lief er nicht in den Kinos, aber bei Wahlkampfveranstaltungen der Kommunistischen Partei (für die er gedreht wurde) wurde er gezeigt. Im Kino war er erst irgendwann in den 60er Jahren zu sehen.

      Das waren lauter Eingriffe aus politischen Gründen, bzw. im ersten Fall auch wegen "Blasphemie". Wie es die Zensur mit der "Moral" (auf sexuellem Gebiet) hielt, weiß ich nicht genau, aber das Klima war sicher viel liberaler als in den USA. So konnte Carné in DRÔLE DE DRAME 1937 das nackte Hinterteil von Jean-Louis Barrault zeigen.

      Ob es in den 30er Jahren eine Bewegung in die eine oder andere Richtung gab, weiß ich nicht. Falls es das gab, lag es kaum am Vorbild USA, sondern an den politischen Wechselfällen in Frankreich. Mitte der 30er Jahre gab es ja die linke Volksfront-Regierung (auf die ich im Zusammenhang mit Renoir noch komme), davor und danach rechte Regierungen.

      Löschen
    2. Zitat: @david "Was tun, wenn bei der Du-Röhre ganze Filme in akzeptabler bis exzellenter Bildqualität gezeigt werden? Verschämt wegklicken?"

      einfach mal deine Top100 linkliste dazu uploaden & das Scherflein teilen?;)

      so long @Wikileaks,,,@Telefonjoker & @Raphael die davon gerne partizipieren würden ;)

      Löschen
  2. Habe ihn auch vor kurzem auf Du-Röhre gesehen und bin begeistert, wie viel Können in diesem Frühwerk von Renoir steckt. Simon ist tatsächlich grandios, weshalb ich bald noch Jagd auf seine anderen drei Filme mit Renoir machen werde. Hoffe, die Kreuzfahrt durchs renoirsche Schaffen geht bald wieder weiter. :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gute Idee! In ON PURGE BÉBÉ geht es übrigens um so wichtige Dinge wie Nachttöpfe, Verstopfung und Abführmittel (was sich nicht Renoir ausgedacht hat, sondern in dem Stück von Georges Feydeau steckt, das hier verfilmt wurde), und es ist einer der ersten Filme überhaupt, in dem eine Klospülung zu hören ist (was Renoir "zum Rang eines bedeutenden Mannes" verhalf, wie er selbstironisch in seiner Autobiographie schrieb). Wenn Du schon dabei bist, solltest Du L'ATALANTE nicht auslassen, in dem Michel Simon noch einen draufsetzt.

      Mit Renoir wird es hier bald weitergehen, aber vorher ist David dran.

      Löschen