Montag, 11. September 2017

Doktor Schizo und Mister Questi

Sieben Spätwerke von, mit und über Giulio Questi

Bis vor einiger Zeit hatte ich schon gelegentlich vom italienischen Regisseur Giulio Questi (1924-2014) gehört, aber ich wusste fast nichts über ihn und kannte keinen seiner Filme. Dann besprach zunächst Blogger-Kollege Funxton Questis zweiten Spielfilm LA MORTE HA FATTE L'UOVO und machte mich schon mal sehr neugierig. Als dann noch David in seinem Bericht vom 4. Terza-Visione-Festival des italienischen Genrefilms Questis dritten und letzten Spielfilm ARCANA in den höchsten Tönen lobte, wollte ich diesen Film unbedingt sehen (zu Recht, wie ich jetzt nach der Sichtung weiß). Als "Beifang" der Suche danach ging mir eine italienische Box mit zwei DVDs ins Netz, die unter dem Titel "by GIULIO QUESTI" sieben der letzten Filme Questis versammelt. Es handelt sich dabei um Kurzfilme, die Questi mit einer preiswerten Consumer-Digitalkamera von Canon ganz allein gedreht hat - er war einziger (in gewissem Sinn Selbst-)Darsteller (mit einer einzigen Ausnahme, siehe unten) und er führte gleichzeitig die Kamera und übernahm Beleuchtung, Ton, Schnitt und alle sonstigen technischen Aufgaben. Also eine ziemlich solipsistische Sache, und passend dazu erscheint am Anfang jeden Films der schlichte Schriftzug "La SOLIPSO FILM presenta". Und die Endcredits bestehen jedes Mal aus dem ebenso schlichten "by Giulio Questi", gefolgt von Monat und Jahr der Entstehung, und es werden noch die Komponisten der jeweils verwendeten Musik genannt (ohne die einzelnen Stücke zu benennen).

Giulio Questi in MYSTERIUM NOCTIS
Questi drehte die Filme von 2002 bis 2006, im Alter von 78 bis 82, in seiner eigenen Wohnung in Rom (wiederum mit einer Ausnahme). Ein Stefano Consiglio führte 2007 zum vorläufigen Abschluss des Zyklus ein 50-minütiges Videointerview mit Questi über seine Motivation und seine Vorgehensweise bei den Filmen, das unter dem Titel IL CINEMA DIGITALE SECONDO GIULIO QUESTI ebenfalls in der DVD-Box enthalten ist. Aus diesem Film erfährt man, dass sich Questi von den äußerst beschränkten Produktionsbedingungen zu kreativen Lösungen für Probleme anregen ließ, die es mit mehr Personal (und Einsatz von Geld) gar nicht geben würde. So könnte man meinen, weil Questi sowohl Kameramann als auch einziger Darsteller ist, müsste es nur Szenen mit statisch montierter Kamera (oder allenfalls noch Szenen mit subjektiver Kamera) geben, aber das ist nicht der Fall. In einem der Filme geht etwa einer der Protagonisten (also Questi) einen Flur entlang, und die Kamera "schwebt" fast in Bodenhöhe vor ihm und filmt aus gleichbleibendem Abstand die gehenden Füße und Unterschenkel (dasselbe Motiv gibt es übrigens auch schon in ARCANA). Normalerweise würde hier die Kamera auf einem Dolly montiert sein, der von einem Techniker gezogen (oder gar computergesteuert bewegt) wird. Doch Questi legte die Kamera einfach nur auf einen Putzlappen, den er beim Gehen mit einem nicht im Bild sichtbaren Schrubber vor sich her schob. Klingt absurd, hat aber funktioniert. Dennoch war Questi durch seine Vorgehensweise auf die Bedingungen des ganz frühen Films zurückgeworfen (wie er in IL CINEMA DIGITALE SECONDO GIULIO QUESTI sagte). Beim Drehplan gönnte sich Questi alle Freiheiten. Er stand auf, und wenn er Lust hatte zu drehen, dann drehte er, und sonst eben nicht - morgen ist auch noch ein Tag. Drehbücher gab es ohnehin nicht, Questi entschied alles spontan nach Laune und den Einfällen, die er hatte. Wie Questi im Interview sagte, war er bei den Filmen zwar Kameramann, Tontechniker, Beleuchter und Cutter, aber nicht Regisseur. Die Aufgabe eines Regisseurs besteht ja darin, anderen Leuten zu sagen, was sie tun sollen, und das erübrigte sich hier. So lehnte er im Gespräch mit Consiglio die Bezeichnung "Regisseur" für seine Funktion ausdrücklich ab, und in den Credits steht eben auch immer nur das summarische "by Giulio Questi". Er macht in IL CINEMA DIGITALE SECONDO GIULIO QUESTI auch einige Bemerkungen über seine Kinofilme, aber das ist wenig ergiebig. Wer wissen will, was ihn damals, um 1970 herum, umtrieb, der muss sich nach anderen Quellen umsehen.

Questi mit seiner Digitalkamera (IL CINEMA DIGITALE SECONDO GIULIO QUESTI)
Wie David in seinem Bericht vom Terza Visione schrieb, war Questi ein "cinéaste maudit des italienischen Kinos". Er wurde 1924 im lombardischen Bergamo geboren. Zunächst Journalist und Schriftsteller, war er ab den späten 40er Jahren beim Film, als Regieassistent und als Regisseur von Dokumentar- und Kurzfilmen. In der ersten Hälfte der 60er Jahre steuerte er Segmente zu drei Episodenfilmen bei, nämlich LE ITALIENE E L'AMORE (DIE ITALIENERIN UND DIE LIEBE), der gleich elf Episoden (und ebensoviele Regisseure) aufweist, dem dokumentarischen NUDI PER VIVERE (Regie gemeinsam mit Elio Petri und Giuliano Montaldo, wobei alle drei Regisseure zusammen unter einem Pseudonym firmierten) sowie AMORI PERICOLOSI (gemeinsam mit Carlo Lizzani und Alfredo Giannetti). NUDI PER VIVERE wurde aus mir nicht bekannten Gründen von der Zensur verboten. Dann schritt Questi zu seiner Solokarriere, doch die erbrachte nur drei Spielfilme. SE SEI VIVO SPARA (TÖTE, DJANGO) von 1967 ist einer der rabiatesten Italowestern, mit Ausflügen ins Surreale. LA MORTE HA FATTE L'UOVO (DIE FALLE, wörtlich "Der Tod hat ein Ei gelegt") von 1968 zelebriert groteske Kapitalismuskritik im Gewand eines Giallo (mehr darüber in Funxtons Artikel). Und schließlich 1972 der schwer fassbare ARCANA, der sich jeder Schublade entzieht. Alle drei Filme floppten an der Kasse, und ARCANA war sogar so erfolglos, dass der Verleih angeblich alle Kopien bis auf eine vernichtete. Questis Karriere als Kinoregisseur war damit vorbei. Nach einigen Jahren Pause, die er wohl hauptsächlich mit Schreiben verbrachte, kam Questi um 1980 beim italienischen Fernsehen unter. Er inszenierte mehrere Einzelfilme sowie zwei Krimi-Miniserien (die beide auch in Deutschland liefen). Diese zweite Karriere dauerte bis Mitte der 90er Jahre, dann war erst mal wieder Sendeschluss - bis Questi auf die Idee kam, sich eine Digitalkamera zu kaufen. Nach den sieben Filmen, die es auf die schon 2008 erschienene DVD-Box schafften, drehte Questi von 2009 bis 2011, nun schon im sehr fortgeschrittenen Alter, noch drei weitere Filme mit seiner Solipso Film als Produktionsfirma, also wohl im ähnlichen Stil und Produktionsmodus wie die hier besprochenen Filme. Doch bei einem dieser drei Filme wirken neben Questi immerhin auch noch eine ganze Reihe von weiteren Darstellern mit (wohl Laiendarsteller, denn die meisten weisen nur diesen einen Film auf). Daneben beteiligte sich Questi 2011 auch noch neben mehreren anderen Regisseuren an einer Doku eines Fernsehsenders mit irgendeinem geschichtlichen Thema. 2014 starb Questi mit 90 Jahren in Rom. Bis zuletzt war er auch schriftstellerisch aktiv.

Ein Dolly braucht keine Räder (IL CINEMA DIGITALE SECONDO GIULIO QUESTI)
Obwohl die sieben Filme, die ich nun vorstellen werde, über die DVD-Box schon seit fast einem Jahrzehnt auch international leicht zugänglich sind (die Scheiben sind regionalcodefrei, englische Untertitel gibt es auch, und die Box kostet auch nicht viel), haben sie es merkwürdigerweise bis jetzt weder in die IMDb noch in die deutsche und englische Wikipedia geschafft. Selbst in der italienischen Wikipedia werden sie nur summarisch erwähnt, aber nicht mit Titel und Entstehungsjahr aufgelistet. Deshalb bin ich nicht sicher, ob die sieben Filme auf DVD und die danach entstandenen drei Filme (die es in die IMDb geschafft haben) wirklich alles sind, was Questi mit der Digitalkamera gedreht hat.



DOCTOR SCHIZO E MR. PHRENIC
2002
Musik: Carl Orff, W.A. Mozart
14:24 min

Mr. Phrenic und Dr. Schizo
Ein alter Mann (Giulio Questi) sitzt in seiner Wohnung an einem Tisch und liest in einem Band mit altgriechischer (ins Italienische übersetzter) Lyrik. Er liest nicht laut, aber man hört Questis Stimme aus dem Off mit den Gedichten - man lauscht sozusagen in seinem Kopf. Dazu Zwischenschnitte auf die Einrichtung der Wohnung, die fast wie Stilleben wirken (neben den üblichen Utensilien und Krimskrams, darunter ein gezeichnetes Portrait von Orson Welles und eine Kopie der Venus von Willendorf, vor allem viele Bücher), und in den Lyrik-Pausen hört man Musik von Mozart, danach Orffs "Carmina Burana". (Leider ist die Musik knisternd und verrauscht - Questi hat hier offenbar schon oft abgespielte Schallplatten benutzt, statt ein paar Euro in neue CDs zu investieren. Doch das bleibt eine Ausnahme, in den anderen Filmen ist der Ton in Ordnung.) Doch was ist das? Im dunklen Flur verriegelt jemand von innen die Wohnungstür. Die Gestalt trägt dunkle Handschuhe, und im ersten Moment könnte man an das klassische Utensil eines Giallo-Mörders denken, doch bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass es sich um Haushaltshandschuhe aus Gummi handelt. Der Eindringling (ist er überhaupt einer?), der durch eine Strumpfmaske vermummt ist, schleicht durch einige Räume der Wohnung und benimmt sich dabei merkwürdig - es scheint sich jedenfalls um keinen normalen Einbrecher zu handeln. Während der alte Mann die griechische Lyrik beiseite gelegt hat und nun in Walt Whitmans klassischem Gedichtband "Grashalme" liest, greift sich der unheimliche Gast ein großes Fahrtenmesser, nähert sich dem Mann, der nun laut und in pathetischem Tonfall liest, von hinten und sticht ihn brutal in den Rücken, dass das Blut (oder verdünnte Ketchup) nur so spritzt und der arme Mann sein Leben aushaucht. Und nun folgt der beste Moment des Films: Der Mörder lässt sich erschöpft in einen Stuhl fallen und zieht sich die Maske vom Gesicht - es ist derselbe Mann, Giulio Questi. Und er gibt einen erleichterten Stoßseufzer von sich: "Ah! Endlich! Er und seine Gedichte! Unerträglich! Sappho, Anakreon, Whitman!" Und dann sticht er dem Toten gleich noch einmal in den Rücken. Nachdem er zur Ruhe gekommen ist, ruft er das zuständige Polizeirevier an und gesteht den Mord: Er, Dr. Giulio Schizo, habe gerade in seiner (!) Wohnung einen Mann getötet, einen Mr. Giulio Phrenic, mit dem er schon seit 78 Jahren zusammenlebte. Er habe ihn einfach nicht mehr ertragen können. Und dann äußert er noch eine Bitte: Wenn die Polizei zu ihm kommt, soll sie doch die Sirene möglichst laut aufdrehen, weil er das liebt!

Blutbad
Zweimal das Gesicht von Questi, zweimal Giulio, Schizo-Phrenic und Jekyll/Hyde, und zur Erinnerung, 2002 war Questi 78 Jahre alt. Am Telefon mit der Polizei nennt Dr. Schizo sogar seine (Questis) echte Adresse in Rom, Via Tiepolo 11. Questi hat diesen schönen kleinen Film also über sich selbst gedreht, natürlich auf einer metaphorischen Ebene und mit einer gehörigen Portion Selbstironie versehen.



LETTERA DA SALAMANCA
2002
Musik: Ludwig van Beethoven
20:33 min

Der Cavalier Nada de Nada y Nada
Ein alter Mann (natürlich wieder Questi) blättert in seiner Wohnung in einem Bildband mit Werken von Man Ray, als es an der Tür klingelt. Niemand ist da, doch eine Visitenkarte wurde unter die Tür geschoben - sie ist von einem Cavalier Nada de Nada y Nada (also auf Deutsch sinngemäß von einem Ritter von und zu Nichts), seines Zeichens Professor der Theologie an der Universität Salamanca. Und wie aus dem Nichts kommend, ist dieser spanische Edelmann und Gelehrte (auch Questi) plötzlich doch in der Wohnung - und unter der Krempe eines Schlapphutes ist sein Gesicht vollständig in schwarzen Schatten getaucht. Ein auf Anhieb äußerst unheimlicher Zeitgenosse. Als er zu sprechen beginnt, klingt seine Stimme kaum menschlich - es ist ein schwer verständliches, ebenso mechanisch wie melodisch klingendes Gebräu, das vielleicht mit einem Vocoder oder einem ähnlichen Gerät aus Questis Stimme erzeugt wurde. Die Hoffnung des Bewohners (ich nenne ihn jetzt einfach mal Questi), dass ihm der Professor aus Salamanca einen Ehrendoktortitel seiner Universität antragen möge, wird nicht erfüllt. Vielmehr übergibt Nada de Nada y Nada (der darum bittet, einfach "Herr Nichts" genannt zu werden) einen Brief des Dekans seiner Fakultät, und daraus erfährt Questi eine erstaunliche Geschichte: Da Computer nun auch in der Theologie Einzug gehalten haben, haben die Professoren der Fakultät es mit Hilfe eines begabten Hackers (des Sohns des Hausmeisters) geschafft, in den Universellen Computer einzudringen und gewisse Fragmente der Absoluten Datei zu erbeuten, in der der Wille Gottes niedergelegt ist! Unter den abgesaugten Daten befanden sich auch Informationen zum Schicksal individueller Menschen - darunter das Todesdatum von Questi. Da sahen es die Theologen als ihre Pflicht an, ihm diese Information nicht vorzuenthalten - sie steckt in einem versiegelten Umschlag, der dem Brief beiliegt. Es wird Questi anheimgestellt, ob er den Umschlag öffnen will oder nicht. Nebenbei bringt Questi (der Regisseur oder vielmehr Nichtregisseur) auch hier wieder etwas Lyrik unter, vom spanischen Dichter Eloy Santos (der 1963 in Salamanca geboren wurde).

Ein Toter kehrt vorübergehend ins Leben zurück
Questi (der Protagonist) entscheidet sich, den Umschlag zu öffnen und seinen Todestag zu erfahren - es ist der 6. November 2002. Natürlich hat man als Zuschauer erwartet, dass genau heute, am Tag der Handlung, der Tod zuschlagen soll, doch falsch gedacht - der Film spielt am 9. November, das vorgesehene Datum ist also schon vorbei. Doch der Besucher - der, was man eh schon ahnte, sich als Gevatter Tod entpuppt - entschuldigt die Verzögerung damit, dass er am Ort eines Flugzeugabsturzes ein erotisch-theologisches Zusammensein mit einem weiblichen Skelett hatte, das ihn etwas aufhielt. Questi als ein Mann von Welt werde dafür sicher Verständnis aufbringen, meint er. Das tut Questi auch, denn er wähnt sich auf der sicheren Seite, da das Datum ja nun abgelaufen sei. Doch da wird er eines Besseren (oder für ihn Schlechteren) belehrt: Das Verdikt gilt immer noch und wird eben zum erstmöglichen Termin (also jetzt) erfüllt. Questi will sich mit Argumenten herauswinden, doch es hilft alles nichts. Der Tod teilt ihm mit, dass er eigentlich schon gestorben und in seiner jetzigen Inkarnation eigentlich nur ein Traum des toten Questi sei. Als ihm der leichte Verwesungsgeruch in der Wohnung als Beweis nicht ausreicht, wird Questi aufgefordert, doch mal ins Schlafzimmer zu schauen - und tatsächlich, da liegt der tote Questi im Bett. Während der bisherige Questi nun aus der Handlung verschwindet, erhebt sich der Tote - quasi in einer letzten Anstrengung, doch noch ins Leben zurückzukehren - splitternackt aus dem Bett, schlurft duch die Wohnung und versucht dann, die Universität Salamanca anzurufen. Doch während er noch auf die Verbindung wartet, nimmt ihm eine Hand (im selben Gummihandschuh wie die von Dr. Schizo) den Hörer aus der Hand. Der vorübergehend verschwundene Señor Nada de Nada y Nada ist wieder da - die Frist ist endgültig abgelaufen. Und diese morbid-makabre Reflexion eines alten Mannes über den Tod - seinen eigenen Tod (der dann allerdings noch zwölf Jahre auf sich warten ließ) - ist zu Ende. - Wieso entschied sich Questi für Salamanca und nicht für Bologna, das über eine ähnlich alte und ehrwürdige Universität verfügt? Vielleicht liegt es neben dem Bezug zu Eloy Santos auch daran, dass nach einer alten Geschichte der Teufel persönlich theologische Vorlesungen in Salamanca gehalten haben soll.



TATATATANGO
2003
Musik: Carlos Gardel
13:45 min

Am Anfang des Films sieht man den Buchdeckel einer italienischen Ausgabe von Georg Groddecks klassischem psychoanalytischem Werk "Das Buch vom Es. Psychoanalytische Briefe an eine Freundin" (Freud hat das "Es" von Groddeck übernommen), danach "Der Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe" des Symbolisten Marcel Schwob, und Emmanuelle Arsans "Emmanuelle" kommt auch noch ins Bild - damit wird schon mal ein bisschen angedeutet, in welche Richtung es geht. Und dann werden wir zur Tangomusik von Carlos Gardel Zeuge eines blutigen Eifersuchtsdramas in einer Wohnung, die wir wieder in der Via Tiepolo ansiedeln können. Ein Mann und eine Frau umarmen und küssen sich - dass sie beide Plastikmasken tragen, stört sie dabei nicht weiter. Der Mann greift der Frau an die Brüste, doch die sind auch aus Plastik, dann zwischen die Beine - hier ist nun nichts aus Plastik, doch in Wirklichkeit greift sich Questi selbst zwischen die Beine, so geschickt gefilmt, dass man das tatsächlich für den Körper einer Frau halten kann. Doch unbemerkt von den beiden schleicht sich ein zweiter Mann herbei, vielleicht der Ehemann der Dame, und beobachtet das Treiben - anscheinend eifersüchtig, doch auch er trägt eine Maske. Schließlich zückt er einen Revolver und schießt das Liebespaar über den Haufen, und wieder spritzt das Blut (oder Ketchup), dass es eine wahre Freud' ist. Dann setzt er sich aufs Klo und schießt sich in die Schläfe - und richtet auch auf den Fließen der Wand eine feucht-rote Sauerei an.

Sauerei im Bad
Die von Nachbarn alarmierte Polizei in Person des Kommissars und seines Assistenten (von Ersterem sieht man das Gesicht nur schräg von hinten, und von Letzteren sieht man überhaupt nur die Füße) wundert sich über die Masken. Zuerst wird dem Mörder die Maske abgenommen, und wie man schon im Voraus weiß, wenn man die beiden vorherigen Filme gesehen hat, kommt darunter Questi zum Vorschein. Dann wird das männliche Opfer demaskiert, und natürlich ist es auch Questi, und die Verwunderung des Kommissars nimmt noch zu. Als aber hinter der Maske der Frau auch wieder Questi erscheint, ruft der Kommissar entgeistert "Nein! Nicht schon wieder! Perverser!" und begutachtet die Plastiktitten (die wohl eigentlich für den Fasching gedacht sind). Und dann denkt er nach - und kommt zum Schluss, dass hier weder der Gerichtsmediziner noch ein Psychiater von Nutzen sein können. Jede Erklärung, die auf eineiige Drillinge, Klone oder dergleichen zurückgreift, bezeichnet er als offenkundigen Unsinn - nein, hier ist etwas Höheres im Spiel! Und er fragt den Assistenten, ob er schon von der Heiligen Dreifaltigkeit gehört hat? Da das offenbar eine hässliche theologische Angelegenheit ist und er nichts falsch machen will, erklärt er die Untersuchung am Tatort für vorläufig beendet und kündigt an, sich mit dem zuständigen Kardinal in Verbindung zu setzen ...

Der Kommissar wundert sich über das, was er vorfindet
Was will Questi uns mit diesem Film sagen? Ich weiß es nicht genau, aber auf jeden Fall handelt es sich um eine thematische Variation des ersten Films. Nur gibt es jetzt nicht zwei, sondern drei Inkarnationen von Questi. Sozusagen eine multiple Persönlichkeit, oder, mehr theologisch gesprochen, eine schizophrene Dreifaltigkeit.



MYSTERIUM NOCTIS
2004
Musik: Alban Berg, Arnold Schönberg
34:52 min

Ein Freund der Dunkelheit, der zur Strecke gebracht werden muss
In der Wohnung, die wir nun schon kennen, ist für längere Zeit der Strom ausgefallen, und der Bewohner, den wir natürlich wieder Questi nennen, behilft sich nachts mit Kerzen und einer Taschenlampe. Doch Questi kommt mit der nur höchst unzureichend erleuchteten Dunkelheit psychisch nicht zurecht, er entwickelt eine Art von depressivem Wahn. Am dritten Tag beginnt er Tagebuch zu führen. Wie ein halbverrückter Protagonist von Poe bringt er seine wirren Gedanken zu Papier, und über Questis Stimme aus dem Off haben wir daran Teil. Ein schabendes, kratzendes Geräusch, das irgendein Insekt verursacht, nimmt er in unnatürlicher Lautstärke wahr, und er fühlt sich davon bedroht. Questi entschließt sich zum Gegenschlag. In einer vielbändigen Enzyklopädie recherchiert er bei Kerzenlicht, dass es sich bei dem Störenfried um einen Vertreter der Art tenebrione (Mehlkäfer, aus der Gattung der Schwarz- oder Dunkelkäfer, lat. Tenebrionidae) handeln muss, einem "Freund der Dunkelheit" (wie es in der Enzyklopädie heißt), dessen Name von tenebra (Nacht, Dunkelheit, das (auch moralisch) Dunkle an sich) abgeleitet ist. Freund der Dunkelheit! Das kann kein Zufall sein. Er muss diesen Feind zur Strecke bringen! Schließlich spürt er ihn auf - doch kein reales Exemplar, sondern eine Abbildung in einem illustrierten Insektenbuch - und erschlägt ihn mit der flachen Hand. Aber dem Triumph folgt schnell Ernüchterung, denn nun läuft plötzlich das Wasser im Bad. Wie kann das sein? Gibt es etwa noch jemand in der Wohnung? Questi muss auf der Hut sein!

"Nur 99,90 Euro, Ratenzahlung möglich!"
So geht das noch eine Weile dahin. Da Questi Fenster und Wohnungstür verrammelt hat, wird für ihn auch der Tag zur endlosen Nacht. Er hat eine unvermutete Begegnung mit einer Art von Geist, der sich später als Lauren Bacall entpuppt, und plötzlich geht von selbst der Fernseher an und überschüttet ihn mit einem rasenden Wort- und Bilderschwall, in dem sich Unfälle, Katastrophen und Gewaltausbrüche aller Art mit Werbung abwechseln. Spontan fragt man sich, ob es wirklich Questi ist, der verrückt ist, oder nicht doch die Welt da draußen. Aber letztlich ist das auch nur ein Hirngespinst. "Der Satellit hat aufgehört zu kotzen", so umschreibt Questi das Ende dieser Episode im Tagebuch. Nach sieben Tagen Stromausfall klingelt es plötzlich an der Tür. Es klingelt? Dann muss der Strom ja wieder da sein. In der Tat, so ist es. Widerwillig öffnet Questi die Tür, und vor ihm steht ein zweibeiniges sprechendes Schwein, oder wenigstens ein Mann mit einer Schweinemaske aus Plastik. Auf jeden Fall handelt es sich um einen Vertreter, der Questi einen Staubsauger andrehen will, für nur unglaubliche 99,90 Euro, Ratenzahlung möglich! Der ganz normale Wahnsinn hat Questi wieder. Und er kauft den Staubsauger - er ist nicht in der Lage, "nein" zu sagen. Die Normalität kann ziemlich wundervoll sein, schreibt er zuletzt in das Tagebuch. - Diesmal gibt es also nur einen Questi in der Wohnung, doch der lebt in einer reichlich kafkaesken Welt, die er sich in seinem Kopf selbst zusammenspinnt. Aber vielleicht ist es ja doch der Wahnsinn der Welt, der den Wahnsinn von Questi bedingt. Jedenfalls scheint Questi (der Filmemacher) so etwas sagen zu wollen.



REPRESSIONE IN CITTÀ
2005
Musik: W.A. Mozart, Béla Bartók
25:24 min

Ein Agent der Gay-Lussac-Spezialeinheit
Auch hier gibt es nur einen Questi in seiner Wohnung, und am Beginn des Films nimmt er ein Bad. Doch während er in der Badewanne liegt und sich von einer Mozart-Arie berieseln lässt, brechen zwei Männer in die Wohnung ein. Zur "Begrüßung" drücken sie ihn erst einmal unter Wasser, als wollten sie ihn ertränken, doch rechtzeitig wird der nach Luft japsende Questi wieder emporgelassen. Und nun stellen sich die beiden Herren (die wieder einmal Maske tragen) vor: Sie sind von der städtischen Gasgesellschaft, und zwar von der Gay-Lussac-Spezialeinheit. Sie wurden zu Questi geschickt, weil er in seiner Wohnung permanent gegen das Gesetz von Gay-Lussac verstoße, und so etwas kann natürlich nicht geduldet werden. Questi hat keine Ahnung, wovon die Rede ist, und er protestiert energisch, aber völlig erfolglos gegen die Vorgehensweise der Gas-Spezialagenten. Und jetzt geht es erst richtig los: Questi wird eine Injektion mit einer Wahrheitsdroge verpasst, weil er leugnet, etwas über den Zusammenhang von Druck, Volumen und Temperatur zu wissen. Es wird zu seinem Nachteil ausgelegt, dass sich in seinem Bücherregal vor allem Lyrikbände finden (und es wird kurz ein Gedicht von Sylvia Plath zitiert). Weil Questi nach wie vor leugnet, das Gesetz von Gay-Lussac gebrochen zu haben, wird die Schraube angezogen: Einer der Männer bohrt mit einer Bohrmaschine ein Loch in den Oberarm des schreienden Questi. Doch selbst das ist noch nicht alles. Da Questi immer noch kein Geständnis ablegt und ihm als Motiv "molekulare Unterschlagung" und "metaphysischer Gebrauch" unterstellt wird - natürlich hat er wieder keine Ahnung, wovon die Rede ist -, wird er immer schärfer bedrängt. Als letzter Beweis seiner Schuld wird ein Gedicht vorgebracht, das er selbst als "Jugendsünde" verfasst hat. Der nächste Eskalationsschritt besteht darin, ihm mit einem Schneidbrenner die Füße zu verbrennen. Und als letzter Akt der "Läuterung" wird dem vor Schmerz und Angst kreischenden Questi mit einem Löffel ein Augapfel herausgetrennt und in die Hand gedrückt. Wenn er diesen Augapfel nun (mit seinem verbleibenden Auge) ansehe, werde er daraus die Weisheit und Einsichten gewinnen, die er in den Gedichten vergeblich suche, meinen die beiden Herren von der Spezialeinheit.

Mit dem Zweiten sieht man (jetzt nicht mehr) besser
REPRESSIONE IN CITTÀ ist der am offensten politische Film des Zyklus, denn natürlich steht die Gasgesellschaft stellvertretend für den Staat, für die internationalen Konzerne, für die Gesellschaft insgesamt, die den Einzelnen im erbarmungslosen Würgegriff halten. Während in MYSTERIUM NOCTIS das Kafkaeske in Questis Kopf stattfindet, ist es in REPRESSIONE IN CITTÀ die Realität. Ach ja: Am Ende brät Questi das Auge in einer Pfanne auf dem Gasherd ...



VACANZE CON ALICE
2005
Musik: Maurice Ravel
17:08 min

Im Wald des Schwarzen Priesters
Das ist der Film der beiden Ausnahmen - Questi ist nicht der einzige Darsteller, und es wurde nicht in seiner Wohnung gedreht, sondern in einem Häuschen in einer bergigen Gegend und im benachbarten Wald. Vielleicht machte Questi da gerade Urlaub, vielleicht ist er auch nur zum Drehen hingefahren. Noch eine Besonderheit gibt es: Der Film wird im Vorspann Lewis Carroll gewidmet, dem Autor von "Alice im Wunderland". Questi sitzt nun in einem Sessel in einer rustikalen Wohnstube und liest in einem Band mit Carrolls "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln". Wieder einmal hören wir Text aus einem Buch durch Questis Stimme aus dem Off - er spricht dabei den Namen der Protagonistin nicht englisch aus, sondern wie den Namen der italienischen Sängerin Alice. Während er so in das Buch vertieft ist, klopft ein Mädchen von außen ans Fenster - und das wird nun nicht von Questi mit einer Maske gespielt, sondern tatsächlich von einem Mädchen, von einer Pauline Mancini. (Es gibt heute eine Sängerin dieses Namens, deren Videos man auf YouTube findet, aber das ist nicht dieselbe Pauline Mancini.) Das Mädchen scheint um Hilfe zu bitten. Als er vor die Tür tritt, ist sie weg, aber sie hat einen Zettel zurückgelassen, in dem sie tatsächlich um Hilfe bittet, und zwar im "Wald des Schwarzen Priesters" - anscheinend ist sie selbst so eine Art von Alice, die in märchenhaft-vertrackte Schwierigkeiten geraten ist. So macht sich Questi also auf in den Wald, um ihr zu helfen. Doch das war keine so gute Idee, wie sich bald zeigt. Er ist ja nicht mehr der Jüngste und kommt im dichter werdenden Wald ins Keuchen, die Zweige schlagen ihm ins Gesicht, er muss aufpassen, nicht über Wurzeln zu stolpern, und er droht die Orientierung zu verlieren. Doch (bewusst ausgelegte?) Spuren locken ihn weiter in den Wald - eine an einem Baum befestigte Kinderzeichnung eines Mädchens (sicher des Mädchens), Schulsachen mit einer Art von Poesiealbum, und an einem Ast hängt ein Höschen, das Questi ausgiebig begutachtet. Als er schließlich auf das zunächst so harmlos und hilfsbedürftig wirkende Mädchen trifft, hat es sich verändert. Auf ihrem rechten Auge klebt nun ein großes Pflaster, und darauf wiederum klebt ein Bild, das wie ein grüner Drache oder Tyrannosaurier aussieht - was immer das bedeuten soll. Und das Mädchen erweist sich als wahrer Satansbraten. Sie spielt dem armen Questi böse mit, und er muss froh sein, überhaupt lebend davonzukommen. Als sie fröhlich seilhüpfend das Weite sucht, kann er ihr nur noch "Puttana!" (Schlampe, Nutte) hinterherrufen.

Böse Überraschung
Was hat das nun wieder zu bedeuten? Wer ist das Mädchen? Ist es eine böse Waldfee, die sich aufgemacht hat, Questi einen bösartigen Streich zu spielen? Ist der Film eine Allegorie auf die Gedanken und Begierden eines dirty old man, die er besser unterdrücken sollte? Oder ist Questi schlichtweg beim Lesen des Buches eingeschlafen und hat sich in die Welt von Alice hineingeträumt? Vielleicht von allem ein bisschen. Man kann und soll sich wohl seinen eigenen Reim darauf machen.



VISITORS
2006
Musik: Béla Bartók
21:19 min

Auch VISITORS trägt im Vorspann eine Widmung: "Dieser Film ist gewidmet dem Tod einer Generation, die mit dem Hass und Blut des Kriegs konfrontiert wurde". Es beginnt wieder mit einem alten Mann in der bekannten Wohnung. Mit einem kleinen Vorbehalt, mit ein bisschen Sträuben nenne ich auch ihn Questi. Auf einem Computermonitor in der Wohnung liest man einen Text der (fiktiven) "Nationalen Vereinigung der 1944-45 Getöteten": "Lieber Überlebender, nach 50 Jahren der Nachforschung haben wir dank neuer Technologien Ihre Adresse herausgefunden. Wir sind eine Gruppe von Faschisten, die Sie in den Tagen unserer gemeinsamen Jugend, die wir auf entgegengesetzten Seiten verschleudert haben, mit vorgehaltener Pistole erschossen haben. Wir haben Sie endlich gefunden. Unsere konstanten Besuche sollen Sie nicht belästigen, sondern eher Gelegenheiten zur Klärung und zu einer sorgenvollen Anfrage bieten. Ohne Groll, NVdG." Questi wälzt sich unruhig im Bett, und von seiner Stimme aus dem Off erfährt man, dass seit dem Tag, als die elektronische Botschaft mysteriöserweise auf dem Monitor erschien, er jede Nacht von diesen Gestalten heimgesucht wird, die jetzt durch die Wohnung schleichen. Sie tragen Masken, doch diesmal sind es keine Strumpf- oder Karnevalsmasken, sondern sie zeigen mit Hilfe aufgeklebter Fotos realistische Gesichter - individuelle Gesichter von Personen, die wirklich gelebt haben oder zumindest so ausgesehen haben könnten. Es sind die Geister der von Questi im Partisanenkrieg getöteten, um nicht zu sagen ermordeten, politischen Gegner, die ihn nun Nacht für Nacht heimsuchen. Während Questi bisher versuchte, die schweigend umherwandelnden Gestalten zu ignorieren, verliert er nun die Geduld und versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Die Geister der Vergangenheit
Und schon sind sie da, zu fünft stehen die Maskenköpfe (ohne Körper) auf dem runden Wohnzimmertisch. Oder doch nicht? Mal sind sie da, dann wieder nicht. Questi verliert langsam die Nerven. Und dann beginnen die echten oder eingebildeten Geister zu sprechen - jeder von ihnen erzählt Questi, mit welcher Waffe er von ihm getötet wurde. Bei einem waren es sechs Schuss mit einer englischen Maschinenpistole in den Magen. Questi fühlt sich immer unbehaglicher und greift zu einer Flasche Wein oder Schnaps, um sich zu beruhigen. Wie sich letztlich herausstellt, sind die Geister hier, weil ihr endgültiger Übertritt ins Totenreich durch die Tatsache verhindert wird, dass Questi noch am Leben ist. Erst wenn auch Questis Körper im Grab verfault, werden alle damals von ihm Getöteten die irdischen Gefilde verlassen können. Und zwar mit dem Raumschiff eines gewissen Admiral Nekrosis - nächstmöglicher Termin ist am nächsten Samstag. Ziel der Reise ist ein Schwarzes Loch in einer anderen Galaxie. Alle an Bord werden dann aus der Raumzeit gelöscht werden, so als ob sie nie existiert hätten. Zum Schluss dieser Erklärung legt einer der Geister eine geladene Pistole auf den Tisch. Oder hat sie Questi selbst hingelegt? Die Geister bieten eine Gegenleistung für den von Questi erwarteten Selbstmord: Eigentlich müsste auch er nach seinem Tod solange im irdischen Zwischenreich ausharren, bis alle tot sind, mit denen er zu Lebzeiten zu tun hatte. Doch sie würden ihm diese womöglich jahrzehntelange Leidenszeit ersparen, indem sie ihn sofort auf das Raumschiff schmuggeln und ihm so das kosmische Nirwana verschaffen. Questi trinkt noch ein Glas und nimmt die Pistole in die Hand. Wann fliegt dieses Raumschiff ab? fragt er die Geister, die gar nicht mehr da sind (und vielleicht nie da waren). Wahrscheinlich schießt er sich gleich in den Kopf, aber vorher ist der Film zu Ende.

Der Protagonist ist angeschlagen
VISITORS ist neben LETTERA DA SALAMANCA vielleicht der persönlichste Film des Zyklus. Questi (der echte) kämpfte 1943-45 tatsächlich als Partisan gegen die faschistischen Schwarzen Brigaden der Republik von Salò (die auch den Hintergrund zu Pasolinis DIE 120 TAGE VON SODOM bildet). Ich weiß nicht, ob Questi wirklich gefangene Gegner erschossen hat, und ob er deshalb von Schuldgefühlen oder Ähnlichem heimgesucht wurde (deshalb habe ich den Protagonisten des Films nur mit Vorbehalt "Questi" genannt), aber VISITORS legt das durchaus nahe. Eine prägende Zeit war das damals für ihn auf jeden Fall. Es wird allgemein angenommen, dass Questis Erfahrungen als Partisan auf seine Filme abgefärbt haben, vor allem auf seinen Western SE SEI VIVO SPARA, und Questi selbst bestätigt das in IL CINEMA DIGITALE SECONDO GIULIO QUESTI.



Die sieben Filme in ihrer spartanischen Machart sind sicher nicht jedermanns Sache. Auch ich war nach dem ersten Sehen leicht enttäuscht. Die Optik der Digitalkamera ist doch manchmal recht steril, es gibt technische Unzulänglichkeiten, und nach zwei oder drei Filmen wollte ich auch mal ein anderes Gesicht als das von Questi und andere Schauplätze als seine Wohnung sehen - die eine Ausnahme VACANZE CON ALICE reißt es nicht raus. Vor allem aber hatte ich etwas anderes erwartet. Natürlich war von vornherein klar, dass es nichts in der Art von Questis drei Spielfilmen geben würde, aber ich wusste nicht, was mich erwartete - mit einer derart solipsistischen Unternehmung hatte ich jedenfalls nicht gerechnet. Aber nachdem ich nun wusste, womit ich es zu tun hatte, haben die Filme bei einer zweiten Sichtung doch deutlich an Statur gewonnen. Mit ihren schrägen bis bizarren Einfällen, mit ihrem Humor, der einem manchmal im Halse steckenbleibt, mit vielen Details und verdeckten Anspielungen, von denen ich sicher manche gar nicht erfasst habe, regen die Filme zur Interpretation an. Die muss nicht unbedingt schlüssige Ergebnesse liefern, aber das spricht ja nicht gegen die Filme - ganz im Gegenteil.

Kommentare:

  1. Christoph (Draxtra) hatte beim Terza Visione während seiner kurzen Ankündigung von ARCANA und von Christophs (Huber) Einführungsvideo die späten Kurzfilme Questis äußerst lobend erwähnt und ganz besonders VISITORS als bemerkenswert hervorgehoben – und von einer guten und preisgünstigen DVD gesprochen. Nach deinem Text konnte ich meine Lust auf die Filme dann nicht länger zügeln: die Edition ist schon unterwegs zu mir. Nach ARCANA und einer extrem erfreulichen Neusichtung und Neubewertung von SE SEI VIVO SPARA freue ich mich sehr auf noch mehr Questi.

    DOCTOR SCHIZO E MR. PHRENIC – angesichts des Portraits von Orson Welles könnte man natürlich darüber nachdenken, ob Questi mit dem Mittel der Digitalkamera nicht schlussendlich das realisiert hat, wonach Welles in seinen späten Jahren auch tendierte: nämlich – nicht im (ab)wertenden, sondern im produktionstechnischen Sinne – ultraprimitive, rohe, sehr intime Filme in den eigenen vier Wänden zu inszenieren. Filme so zu drehen, wie ein Schriftsteller Romane schreibt (das hatte Welles in den 1970er Jahren glaube ich einmal gesagt).

    LETTERA DA SALAMANCA – der Screenshot sieht wahrhaft gespenstisch aus. Als würde der Hut schweben. Questi hat vielleicht nicht Regie geführt, aber die Beleuchtung und die Kamera offensichtlich sehr minutiös eingesetzt.

    TATATATANGO und MYSTERIUM NOCTIS klingen herrlich durchgeknallt. Da bin ich auch sehr gespannt.

    REPRESSIONE IN CITTÀ ist dann wahrscheinlich der Grund, warum diese Filme niemals in Deutschland erscheinen werden. Das könnte bestimmt die deutsche Jugend „sozialethisch desorientieren“.

    VISITORS – in ARCANA gibt es ja mehrere Stellen, die ikonographisch an Kriegsgewalt bzw. an Questis Kriegserfahrungen anknüpfen. Ich denke an diese spiritistische Massensitzung in der Wohnung gegen Ende, wo viele Leute scheinbar tot (jedenfalls regungslos), fast wie in einem Massengrab gestapelt, herum- und teils übereinander liegen. Questi hat, mit 90 Jahren, nur wenige Monate vor seinem Tod, ein Zyklus von Erzählungen mit dem Titel „Uomini e comandanti“ (also ‚Männer und Kommandanten‘) über seine Erfahrungen im Krieg veröffentlicht – bestimmt sehr lesenswert (vorerst aber nur für Leute mit Italienisch-Kenntnissen, da nicht übersetzt).


    Bezüglich NUDI PER VIVERE: offenbar war das ein Dokumentarfilm, womöglich gar ein früher Mondo-Film über Nachtlokale in Paris, worunter sich wohl nicht nur Variétés, sondern auch Grand-Guignol-Theater mit grafisch-blutigen Spektakeln, Striptease-Lokale und (auf die Schnelle habe ich nur eine Quelle dazu gefunden) Schwulenclubs befanden. Hier auf dieser Seite http://cinecensura.com/violenza/nudi-per-vivere/ findet man gescannte Gerichtsdokumente zum Zensurfall. Ich habe nicht das ganze Urteil des Römer Gerichts (Sentenza del Tribunale) gelesen, aber stieß man sich unter anderem an Nacktheit von Striptease-Tänzerinnen („Angriff auf das allgemeine Sittlichkeitsempfinden“) und an Gewaltdarstellungen in Grand-Guignol-Spektakeln. „Ist keine Kunst“, „dient nicht der Wissenschaft“ – deshalb seien diese Szenen zu beschlagnahmen. Anderswo erzählte Questi davon, dass das Negativ zerstört wurde (http://www.ilfattoquotidiano.it/2014/04/25/giulio-questi-cinema-italiano-fatto-di-filmetti-e-mai-una-maledetta-idea/963224/).

    Interessante Seite übrigens diese „cinecensura“: unter anderem realisiert von der Stiftung des Centro Sperimentale di Cinematografia der Nationalkinemathek, mit verschiedenen Museen und Filminstituten, „präsentiert“, also unterstützt von einer Abteilung des Ministeriums für Kulturgüter und Tourismus. In Deutschland wäre so etwas ja kaum denkbar.

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    1. DOCTOR SCHIZO E MR. PHRENIC – angesichts des Portraits von Orson Welles könnte man natürlich darüber nachdenken, ob Questi mit dem Mittel der Digitalkamera nicht schlussendlich das realisiert hat, wonach Welles in seinen späten Jahren auch tendierte: nämlich – nicht im (ab)wertenden, sondern im produktionstechnischen Sinne – ultraprimitive, rohe, sehr intime Filme in den eigenen vier Wänden zu inszenieren.

      Genau das hat er auf jeden Fall gemacht, aber ich weiß nicht, ob ihm Welles dabei irgendwie als Vorbild diente. Diese Zeichnung ist eines dieser vielen Details, die vielleicht etwas bedeuten - oder auch nicht.

      Filme so zu drehen, wie ein Schriftsteller Romane schreibt (das hatte Welles in den 1970er Jahren glaube ich einmal gesagt).

      Diese Vorstellung kam wohl schon öfter auf. Jean Cocteau hat irgendwann mal gesagt oder geschrieben: "Der Film wird erst dann eine Kunst sein, wenn die Materialien so billig sind wie Feder und Papier."

      Questi sah das bei den Digitalfilmen auch ungefähr so, wie er im Interview zu VISITORS sagte. Er wurde nämlich früher gelegentlich gebeten, einen Spielfilm über den Partisanenkampf zu drehen, und er hat das immer abgelehnt, weil ihm das in gewisser Weise die Intimität und die Authentizität seiner eigenen Erinnerungen an diese Zeit geraubt hätte. Aber bei VISITORS hatte er dieses Problem nicht, weil das für ihn mehr wie die Arbeit eines Schriftstellers als die eines Regisseurs bei einem Spielfilm war.

      LETTERA DA SALAMANCA – der Screenshot sieht wahrhaft gespenstisch aus. Als würde der Hut schweben.

      Ja, und der schwebende Hut (ohne Körper, nur die Schultern sind leicht angedeutet) hat es auch auf das Cover des DVD-Sets gebracht.

      REPRESSIONE IN CITTÀ ist dann wahrscheinlich der Grund, warum diese Filme niemals in Deutschland erscheinen werden. Das könnte bestimmt die deutsche Jugend „sozialethisch desorientieren“.

      Hm, ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass der Film dem gefährdungsgeneigten Heranwachsenden besonders gefallen würde (aber wer weiß, wie Frau Monssen-Engberding oder ihre Nachfolgerin das sehen würden). Auf jeden Fall hat Questi hier etwas abgeliefert, das man nach formalen Kriterien als Horrorfilm klassifizieren kann, das aber doch irgendwie etwas anderes ist.

      Bei NUDI PER VIVERE hatte ich schon irgendwas in dieser Richtung vermutet, aber ich hatte keine Lust, da nachzuforschen. Auf jeden Fall hatten die drei Regisseure sicher nicht ohne Grund beschlossen, unter einem Pseudonym aufzutreten. Wäre natürlich interessant, den Film aus heutiger Sicht zu begutachten, aber der ist wohl wirklich weg.

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    2. Es gibt noch eine Sammlung autobiografischer Skizzen Questis („Se non ricordo male). In der amazon-Büchervorschau habe ich ein Kapitel mit dem Titel „Eine Whisky-Lektion von Orson Welles“ gesehen. Darin erzählt Questi, dass er 1949 in Sizilien Orson Welles auf einer Café-Terrasse erblickt hat. 1966 traf er ihn wieder während des Drehs zu SE SEI VIVO SPARA in Spanien in einer Hotelbar. Welles drehte dort auch einen Film (vielleicht THE IMMORTAL STORY?). Welles hat ihn wohl zum Trinken eingeladen und ihm erklärt, wie man einen richtigen, erfrischenden Whisky macht (großes Glas, drei Finger voll, auffüllen mit Eis). Soweit ich verstanden habe, haben sie nicht über Filme gesprochen, sondern nur zusammen getrunken. Gemäß dieser Erzählung – falls nicht wahr, dann doch sehr schön ausgedacht – inspirierte Welles also Questi auf jeden Fall zu einer bestimmten Whisky-Zubereitungsweise. Das ist ja auch schon was.

      Den Hut auf dem Cover hatte ich zunächst als solchen gar nicht erkannt: in kleiner Vorschau sieht das aus wie ein unheimliches Ultraschall-Bild.

      Unter Frau Monssen-Engberdings Vorsitz wurde SE SEI VIVO SPARA immerhin 2007 vom Index genommen – wohl bei der regelgemäßen Routine-Neuprüfung nach 25 Jahren.

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