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Samstag, 8. Juni 2013

„Wer was hat, ist was wert!“: Wirtschaftswunder goes noir

KONTO AUSGEGLICHEN
Bundesrepublik Deutschland 1959
Regie: Franz Peter Wirth
Darsteller: Wolfgang Preiss (Robert Jacobi), Margot Trooger (Linda Brand), Herbert Tiede (Joachim Brand)



Im Sommer letzten Jahres lernte ich die Hölle kennen. Oder besser gesagt: das bundesdeutsche Fernsehen der 1950er und 1960er Jahre. Wie es dazu kam? Als Weimarer Redakteur des multimania-Magazins kann ich dem Chefredakteur (luzifus von the-gaffer.de) regelmäßig Wunschlisten für kommende DVD-Veröffentlichungen vorlegen, die ich dann auch bespreche. Dieses System hat natürlich einen Haken: bei nahendem Redaktionsschluss und entsprechender Dringlichkeit muss ich auch regelmäßig „Ladenhüter“-DVDs übernehmen. Unter diesen befinden sich auch regelmäßig Veröffentlichungen des Pidax-Labels, der unter anderem eine große Sparte an BRD-TV-„Trash“ der 50er und 60er bedient. Der kulturhistorische Wert dieser Begegnungen konnte die cinematographischen Abgründe, die mir hier teils entgegenschlugen, bisher nicht ansatzweise aufrechnen: miserable Darsteller, lachhafte Dekors, hirnrissige Drehbücher sowie latent deutsch-tümmelnde Biederkeit in Kombination mit krampfhaft auf Exotik getrimmten Settings. Vielleicht veröffentlicht das Pidax-Label tatsächlich nur das schlechteste, was das bundesdeutsche Fernsehen an Filmen und Serien zu bieten hatte. Vielleicht ist die Auswahl auch repräsentativ. Gesetzt diesem Fall scheinen Ausnahmen die Regel zu bestätigen, und Franz Peter Wirths KONTO AUSGEGLICHEN ist eine solche Ausnahme.

Robert Jacobi (Wolfgang Preiss) wird zum neuen Direktor einer kleinstädtischen Bankfiliale ernannt, die hauptsächlich die Konten von Kleinsparern verwaltet. Für die große Beliebtheit der Bank bei den Kunden ist der Chefkassierer Joachim Brand verantwortlich: seine zuvorkommende Freundlichkeit kommt gerade bei smalltalk-bedürftigen Rentnern sehr gut an, zumal er gerne das lästige Ausfüllen der Einzahlungsformulare für sie übernimmt. Sein Gesicht verzieht sich zwischen zwei Kunden immer wieder zu Grimassen des Schmerzes zusammen – ein Magenleiden macht ihm offenbar zu schaffen. Eines morgens bittet Linda Brand, die Ehefrau des Kassierers, den neuen Direktor um ein Gespräch. Sie bestätigt Jacobis Verdacht über Brands Leiden (ein Magengeschwür), spricht von der Notwendigkeit einer Operation und zugleich über die Ängste ihres Mannes, seinen Posten sei es auch nur für einen Tag aufzugeben. Vor ihrer Ehe habe sie selbst als Bankkassiererin gearbeitet und könne daher ihren Mann während seiner Behandlung problemlos vertreten.

Joachim Brand, Robert Jacobi; Linda Brand
Gesagt, getan: auf subtile Weise bringt Jacobi seinen besten Kassierer dazu, selbst seine Ehefrau als Vertretung vorzuschlagen und ins Krankenhaus zu gehen. Fortan arbeitet Frau Brand als Vertreterin ihres Mannes reibungslos, wenngleich nicht so geschickt im persönlich Umgang mit den Kunden. Direktor Jacobi ist mit ihrer Arbeit zufrieden, findet aber vor allen Dingen großen persönlichen Gefallen an den weiblichen Qualitäten seiner neuen Angestellten. Seine Annäherungsversuche sind so offensichtlich wie unsubtil: so erhält Frau Brand etwa verlängerte Mittagspausen, um ihren Mann im Krankenhaus zu besuchen. Als Jacobi sie kurz an der Kasse vertritt, fällt ihm eine kleine Unregelmäßigkeit beim Sparbuch eines Kunden auf. Nichtsdestotrotz, oder vielleicht deswegen lädt er seine neue Angestellte zu einer Kino-Abendvorstellung ein, was diese auch annimmt. Als er sie nach dem Film jedoch sehr direkt zu sich einlädt, weist sie ihn zurück und lässt sich nach Hause fahren.

Am nächsten Abend bekommt Jacobi zu Hause Besuch von Linda Brand: sie gesteht ihm nach einigem Zögern, dass ihr Mann etwa 4.000 Mark aus 43 Sparbüchern unterschlagen habe, möglicherweise, um Geld für eine Liebhaberin zu besorgen. Sie hatte in einem Notizbuch Brands Eintragungen mit Nummernkonten gefunden und die Krankheit ihres Mannes als Vorwand genutzt, um als Vertretung Klarheit in der Sache gewinnen zu können. Linda schlägt vor, die Sache zu vertuschen, indem alle betroffenen Sparbücher eingezogen und ersetzt werden (über schriftliche Aufforderungen), während sie die Fehlbeträge mit einer Leihgabe ihres Vaters auffüllt. So könne ihr Ehemann vor dem Gefängnis und ihre Ehe gerettet werden und zusätzlich (was unausgesprochen bleibt) Jacobi vor einem Skandal in seinem ersten Monat als neuer Bankdirektor bewahrt werden. Jacobi stimmt zu, ruft aber Linda zurück in seine Wohnung, als sie schon die Haustreppe herunterläuft: Er wird das Geld auslegen, sie könne es ihm später zurückzahlen... „so, wie es Ihnen passt“. Einen eindeutigen Annäherungsversuch später flieht sie aus Jacobis Wohnung.

Den Plan, die Sparbücher umzutauschen, wird in die Tat umgesetzt. Trotz einer Restunsicherheit über den jeweiligen Partner (ist Linda doch die Komplizin ihres Ehemanns und wird Robert sie sexuell erpressen, und wenn ja, wann und wie?), sitzen der Bankdirektor und die Vertretungskassiererin nach getaner Arbeit regelmäßig bei einem Feierabendbier zusammen in der nächsten Eckkneipe. Doch Herr Brand hat sich mittlerweile von seiner Operation erholt, kehrt zurück – und überfällt die Bank!

KONTO AUSGEGLICHEN beruht auf James M. Cains Noir-Roman „The Embezzler“ aus dem Jahre 1944. Cain, der etwas im Schatten seiner Kollegen Dashiell Hammett und Raymond Chandler stand, hat mehrere „hardboiled“-Romane geschrieben, die zu berühmten films noirs verarbeitet wurden. „The Postman Always Rings Twice“ erfuhr die meisten Verfilmungen: 1939 als LE DERNIER TOURNANT (Pierre Chenal), 1943 als OSSESSIONE (Luchino Visconti), 1946 und 1981 jeweils eponym (Tay Garnett und Bob Rafalson), 1998 als SZENVEDÉLY (Fehér György) und 2008 als JERICHOW (Christian Petzold). Cains „Double Indemnity“ von 1943 wurde schon ein Jahr später von Billy Wilder kongenial verfilmt, und einige Jahrzehnte später (1981) nicht weniger gut von Lawrence Kasdan als BODY HEAT. Der weitaus weniger berühmte „The Embezzler“ scheint jedoch tatsächlich nur von Franz Peter Wirth verfilmt worden zu sein (Hinweise auf Gegenteiliges sind herzlich willkommen).

In der biederen Bundesrepublik der ausgehenden Adenauer-Ära scheint ein Noir im TV auf den ersten Blick eine eher außergewöhnliche Erscheinung zu sein. Doch KONTO AUSGEGLICHEN ist, vielleicht mit wenigen Abstrichen, als solcher außerordentlich gut gelungen. 2012 ist er in der „Pidax Krimi-Klassiker Kollektion #1“ erschienen, und im Vergleich mit den drei anderen Filmen der Box fällt sofort auf, warum dies so ist. DETECTIVE STORY – POLIZEIREVIER 21 ist das sehr müde (und ermüdende) Remake eines William-Wyler-Films, und ist genauso in New York angesiedelt. DER BANDITENDOKTOR ist die Adaption einer Kurzgeschichte B. Travens (unter anderem bekannt für „Der Schatz der Sierra Madre“), angesiedelt an der US-mexikanischen Grenze. DER GEISTERZUG ist die Neuverfilmung eines britischen Theaterstücks aus den 1920er, und ist abweichend davon in den USA angesiedelt. Der aufmerksame Leser wird gemerkt haben, dass diese drei anderen Filme, deren Sichtung ich nur meinen allerschlimmsten Feinden empfehlen würde, in exotischen, also nicht bundesdeutschen Gefilden spielen. Diese TV-Produktionen sind teilweise auch deshalb so haarsträubend lächerlich, weil die billigen Fernsehdekors trotzdem als solche erkennbar sind und die Darsteller mit ihren schweren dialektalen Aussprachen große Mühe haben, die englischen oder spanischen Namen ihrer Figuren auszusprechen. KONTO AUSGEGLICHEN ist jedoch einen anderen Weg gegangen. Er verzichtete auf eine solch fehlgeleitete „Exotik“ und hat Cains US-amerikanische Geschichte aus den 1940er Jahren sehr konsequent und sehr selbstbewusst auf die bundesrepublikanischen Verhältnisse der 1950er Jahre übertragen und adaptiert. 

Die Aneignung des Stoffs geschieht so radikal, dass KONTO AUSGEGLICHEN stellenweise fast wie eine komplett hausgemachte Satire auf das Wirtschaftswunder wirkt: Wie blind vertrauen die Kleinsparer, die von der Hochkonjunktur so schön profitiert haben, dem höflichen Bankier, der Smalltalk so gut beherrscht und sie zugleich skrupellos abzieht. Die Beliebtheit der Bank hat Brand mit einer von ihm in Eigenregie inszenierte PR-Kampagne unter dem Motto „Wer was hat, ist was wert“ erhöht. Fast schon wie eine überzeichnete Karikatur der „idyllischen“ Wirtschaftswunder-Ära, in der jeder was vom Kuchen abbekommen konnte und Zweifler sich bitte „nach drüben“ verpissen sollten, erscheint dieses Motto, und der freundliche Kassierer Brand ruft sie seinen Kunden gerne mit einem (wie wir wissen: hämischen) Lächeln hinterher. Der musterhafte Stoßarbeiter des Wirtschaftswunders – ein gewissenloser Betrüger.

Eine solche, selbstverständlich sehr subjektive Interpretation bietet sich sehr gut an. Sie bleibt natürlich auch eher ein Subtext in einem Film, der sich vor allem der Beziehung seiner beiden Protagonisten Linda Brand und Robert Jacobi widmet und hier einige crime-meets-sex-Motive des film noir exerziert. So platzt dem etwas langweiligen und biederen Bankdirektor beim Anblick der Ehefrau seines Kassierers fast die Hose, und im Grunde ist er fast froh über die Unterschlagungsaffäre, ermöglicht sie ihm doch, seine Angestellte in eine Zwangslage zu versetzen und bietet die Möglichkeit, sie später vielleicht sexuell zu erpressen – wobei freilich diese sexuelle Obsession seine Karriere ruinieren könnte. Linda Brand wäre im klassischen amerikanischen noir-Kontext wohl eine femme fatale gewesen. Hier, in der ausgezeichneten Darstellung Margret Troogers, besticht die Figur eher durch einen sehr bodenbehafteten menschlichen Charme als durch reinen Sexappeal. Sichtlich unangenehm hin und her gerissen ist sie zwischen einer selbstlosen Aufopferung für einen kriminellen Ehemann und der doch latenten Attraktion zum Bankdirektor.

Gitter überall!
KONTO AUSGEGLICHEN ist in seiner Erzählweise angenehm reduziert und dauert in der Tat lediglich 69 Minuten. Die Dekors sind fast minimalistisch (und man sieht ihnen teilweise an, dass sie eigentlich ein TV-Studio sind), und doch wird aus ihnen das Maximale rausgeholt. Sehr markant ist, dass immer wieder Bankschalter-Gitterstäbe die Gesichter der Darsteller „einsperren“, ob nun auffällig im Bildvordergrund oder eher subtil im Bildhintergrund. Überhaupt nutzt der Film, im Gegensatz zu den etwas schlechteren TV-Produkten der Ära, die Bildräumlichkeit. Zwischendurch finden sich immer wieder atmosphärische und expressive Bilder (ein Treppenmotiv darf selbstverständlich nicht fehlen), die freilich von den barock-expressionistischen und abstrakten Bildkompositionen manch amerikanischer noirs der späten klassischen Phase sehr weit entfernt sind.

Zahlreiche kleine und oft sehr subtile Details tragen ihren Teil zu einem positiven Gesamtbild bei. Als etwa Linda Brand zum ersten Mal auf Robert Jacobi in dessen Büro trifft, bietet dieser ihr – wir befinden uns ja noch in den 1950er Jahren – eine Zigarette an und zündet sich selbst eine an. Sie lehnt jedoch ab und weist beiläufig darauf hin, dass sie nur bei großer Nervosität rauche. Als die Anspannung im Verlaufe des Films ansteigt, beginnt auch Linda zu rauchen. Ihr Tabakkonsum nimmt stetig zu, bis sie gegen Ende des Films praktisch Kette raucht. Weiterhin offenbart sich eine auf den ersten Blick sehr alberne kleine Szene zu Filmbeginn als im weiteren Verlaufe sehr bedeutsam. Ganze drei Mal wird außerdem im Film erwähnt wird, dass Lindas Vater seit 30 Jahren ununterbrochen Beamter („im Staatsdienst“) ist – dezent oder nicht so dezent darauf hinweisend, dass die zeithistorischen Brüche seit 1929 ihn offenbar nur marginal betroffen haben.

Bizarres Verhör mit Ringturnerbild
Bizarre und auffällige Details gehören zum guten Ton eines film noir. In KONTO AUSGEGLICHEN wird diese Anforderung wohl in der Verhörszene nach Brands Überfall auf die Bank erfüllt: nacheinander werden Robert Jacobi, Linda Brand, ihr Vater sowie ein Bankangestellter von einem Polizeikommissar und seinem Assistenten auf der Wache befragt. Selten sah ein Kommissar so unfassbar lustlos, unmotiviert und schludrig aus: ihm bereitet es offensichtlich sogar Mühe, überhaupt den Mund aufzukriegen. Sarkasmus ist sein einziger Weg, um der Langeweile ein Ventil zu verschaffen. Doch wirklich unglaublich ist das eingerahmte Bild an der Wand im Hintergrund: das Foto eines Ringturners! Warum hängt es da, also im Verhörraum eines bundesdeutschen Polizeireviers der späten 1950er Jahre? Wer ist der Turner? Der Kommissar in früheren, schlankeren (und fröhlicheren?) Jahren? Es könnte sich um einen kolossalen Film-Goof handeln, weil vielleicht das Setdesign einer anderen parallel gedrehten Produktion genutzt wurde, aber dagegen spricht vehement, dass dieses Detail sehr offen und sehr selbstbewusst inszeniert wird...

KONTO AUSGEGLICHEN ist sicherlich kein DOUBLE INDEMNITY. Er ist sehr wohl auch weitaus braver inszeniert als die meisten seiner US-amerikanischen Vorbilder. Dennoch ist er überaus sehenswert – und als Experiment, US-amerikanische großstädtische sex & crime-Alpträume in eine bundesdeutsche Kleinstadt der Adenauer-Ära zu transplantieren, durchaus gelungen.

Neugierige mit stark masochistischen Veranlagungen können KONTO AUSGEGLICHEN in der „Pidax Krimi-Klassiker Kollektion #1“-Box mit Filmen erwerben, die ihm bei weitem nicht das Wasser reichen. Als Einzel-DVD ist er allerdings auch erhältlich. Der Ton ist immer wieder scheppernd und blechern. Das Bild weist große Altersspuren auf und ist leider sehr kontrastarm und verwaschen.